"Alle Kunstformen werden durch die Digitalisierung zu exakten wissenschaftlichen Disziplinen und können von der Wissenschaft nicht mehr unterschieden werden." (Vilém Flusser, Medienkultur, Frankfurt a.M. 1997, S. 214)

Mit der Digitalisierung stellt sich die Frage nach den Medien in der Kunst neu. Das gilt nicht nur für die Verbreitung, sondern auch für die Bildtechniken und -träger. Analoge Medien haben ebenso viele spezifische Eigenschaften wie Erscheinungsformen. Die Digitalisierung dagegen ordnet jede Erscheinungsform dem gleichen kalkulatorischen Muster unter. Die Algorithmen eines Computerprogramms steuern die elektronischen Prozesse, die darüber entscheiden, wie Informationen verarbeitet und wie sie wiedergegeben werden. In der digitalen Kunst wird daher die Programmierung von Algorithmen zum integralen Bestandteil der künstlerischen Arbeit.

Digitale Bilder können auf analogen Vorlagen basieren, am Computer generiert oder in Mischverfahren hergestellt werden. Letztlich imitiert die digitale Kodierung die optische Erfassung und physikalische Fixierung. Ein physischer Bildträger existiert nicht mehr. Das digitale Bild setzt sich aus einzelnen Pixeln zusammen, denen veränderbare Farb- und Helligkeitswerte zuteilbar sind. Die leichte Manipulierbarkeit wird zum Hauptmerkmal dieser Bilder. Damit unterscheiden sie sich von der Malerei, der Druckgrafik und der Fotografie. Auch Franz Gertschs Holzschnitte sind aus kleinen Bildelementen zusammengesetzt. Einmal chemisch fixiert oder in Holz geschnitten und gedruckt ist Veränderung jedoch kaum mehr möglich und in der Regel auch nicht erwünscht.

Das Verhältnis von Kunst und Technologie wird nicht erst durch die Digitalisierung zum Thema. Immer dann, wenn sich die Kunst neuer technologischer Mittel bedient, muss dieses Verhältnis neu diskutiert werden. Zu fragen ist insbesondere, inwiefern das künstlerische Projekt vom jeweiligen Technologiewandel betroffen ist. Zwei Positionen stehen sich bei der Diskussion um die Digitalisierung gegenüber: Die eine postuliert, dass das Medium oder die Technologie selber wesentlichen Anteil an der Botschaft hat, die andere hält auch mit der Entstehung digitaler Bildwelten daran fest, dass das Medium lediglich ein Mittel zur Kommunikation künstlerischer Inhalte ist.


Paul Cézanne (1839-1906),
Château de Marines, 1888-1890



Thomas Struth (*1954),
Markt in Tokyo, 1988



Anna Winteler (*1954),
Discours des montagnes à la mer, 1988



Bitmuster eines digitalen
Bildes