- Gertschs Holzschnitte wirken aus der Distanz betrachtet wie Fotografien. Trotzdem will er nicht ein fotografisches Verfahren imitieren. Gertsch wählt die Fotografie als Ausgangspunkt und Orientierungshilfe. Dabei interessiert ihn die Möglichkeit des Festhaltens und Einfrierens eines Augenblicks. Die intensive und lange Beschäftigung mit dem Bruchteil einer Sekunde beim Bearbeiten der Holzplatte führt zum Resultat. Diese geduldige Präzisionsarbeit ist vergleichbar mit einer Meditation in höchster Konzentration, Versunkenheit und Hingabe an den Moment.
Der handwerkliche Aspekt der Stecherkunst ist für Gertsch von grosser Bedeutung. Besonders der langwierige Prozess des Setzens der Punkte wird für ihn zur physischen und akustischen Erfahrung von Zeit, die sich im rhythmischen Geräusch des Stichels manifestiert und Raum für Verinnerlichung und Menschlichkeit bietet.
Die Dimensionen der Holzschnitte übertreffen die herkömmlichen Lösungen um ein Vielfaches. Die ausgeprägte Grösse der Formate und Bildmotive ist ein Kennzeichen von Gertschs Kunst, das bei den Holzschnitten noch deutlicher als bei den Gemälden konzeptioneller Faktor ist. Die Möglichkeiten der Abstraktion, die durch die technisch bedingte Übersetzung in den Druckstock gegeben ist, erfährt in der Vergrösserung eine zusätzliche Steigerung. Gertsch hat die Grenze des Mediums deutlich erweitert und wie bei der Fotografie die Möglichkeit der Übergrösse künstlerisch genutzt.
- Die verschiedenen Motive der auf kostbares Japanpapier gedruckten Holzschnitte existieren in sehr kleiner Auflage und in variierender Farbigkeit. Die Farben stellt Gertsch eigenhändig aus reinem Pigmentpulver her. Die Bearbeitung des Druckstocks zieht sich über Monate wenn nicht Jahre. Selbst der Druckprozess der riesigen Blätter erfordert höchste Präzision und gestaltet sich in tagelanger Zusammenarbeit zwischen Künstler und Drucker. Dieser grosse künstlerische und technische Aufwand und die spezifische Farbigkeit jedes Blattes verleihen ihnen den Charakter und Wert eines Unikats. Damit hat Gertsch ein wichtiges Merkmal der Druckgrafik, die Möglichkeit einer hohen Auflage, aufgegeben.


Franz Gertsch (*1930),Fotografische Vorlage zum Holzschnitt "Cima del Mar"