Gemalte Bilder sind in der Regel statisch, wenn wir von den Vexierbildern oder vom Öffnen und Schliessen eines Altares absehen. Im Vergleich zu den Reproduktionstechniken der Grafik oder der Fotografie ist die Statik der Malerei sogar verschärft durch den Umstand, dass sich ein Originalgemälde an einem bestimmten Standort befindet und dort gewöhnlich nur von wenigen Menschen auf einmal wahrgenommen werden kann.

Seit der Renaissance wird die Wahrnehmung eines gemalten Bildes daher als Blick auf ein "Fenster" umschrieben. Im Zusammenhang mit den neuen, interaktiven Medien wird dagegen vom Gang durch die "Türe" gesprochen, einer "Türe" schliesslich, die sich bei fortgeschrittener Technik künftig überall auf der Welt zugleich öffnen könnte. Während Malerei die Betrachtenden mit einem einzigen Bild konfrontiert und sie vom Bildraum ausschliesst, soll in den elektronischen Medien das Eingreifen der BesucherInnen in eine virtuelle Situation möglichst perfekt simuliert werden.

Wie der Illusionismus ist auch die Statik des gemalten Bildes im Verlauf dieses dynamischen Jahrhunderts fortwährend ein Gegenstand der Kritik gewesen. Vorweg Marcel Duchamp (1887 - 1968) hat zu Beginn des Jahrhunderts die Abwesenheit der Bewegung, der Zeitdimension in der Malerei kritisiert. Eines seiner berühmten "Readymades" zeigt das Rad eines Fahrrads, das sich, auf einen Hocker geschraubt, real in der Zeit dreht.

Sigmar Polke (* 1941) hat den Versuch unternommen, das "gemalte" Bild zu "bewegen". In seinen alchimistischen Materialexperimenten bleibt das aufgetragene Pigment durch Licht Wärme ständig einer wahrnehmbaren chemischen Veränderung unterworfen.

In jüngster Zeit wird gerade die nachhaltige Statik der Malerei als Reaktion auf die wachsende Beschleunigung von Bildern in den elektronischen Massenmedien wieder entdeckt: Luc Tuymans (* 1958) sucht nach einer Malerei, die sich durch ihre unentrinnbare Anwesenheit in den Betrachtenden festsetzt, um in der Vorstellung eine eigene Dynamik zu entfalten.


Marcel Duchamp (1887-1968),
Das Fahrrad-Rad, 1913



Sigmar Polke (*1941),
Desastres und andere bare Wunder, 1984



Luc Tuymans (*1958),
Ice, 1992